Wir hören nicht mit den Ohren, sondern mit dem Gehirn.

Exkurs 1: Entwicklung der Wahrnehmung
Wahrnehmung (Perzeption) entsteht aus Sinnesempfindung. Durch Erfahrung und Lernen von Sinnesempfindungen generiert sich die Verarbeitung und Interpretation von Informationen. Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess. Schon im Mutterleib finden Perzeptionsprozesse eines Kindes statt. Das ungeborene Kind nimmt über die Oberfläche seines Körpers akustische Stimuli (Stimme der Mutter, Sprachmelodie...) durch die Schwingungen des Fruchtwassers wahr. Postnatal wandelt sich der Hörvorgang vom Ganzkörperempfinden zur Stimulusaufnahme per Luftschall. Nach der Geburt erfolgt eine zunehmende Differenzierung der Wahrnehmung. Der sensorische Handlungsspielraum erweitert sich und der Komplexitätsgrad der zu verarbeitenden Informationen steigt; neue Erfahrungen werden mit gespeicherten abgeglichen bzw. hinzugefügt. Informationsaufnahme und -austausch bewirken durch die Integration verschiedener Sinnesmodalitäten eine multimodale Informationsverarbeitung. Eine wesentliche Voraussetzung für einen normalen Ablauf der frühkindlichen Entwicklung ist eine reguläre prae- und- postnatale Reifung des Gehirns. Mittels bildgebender Verfahren (wie z.B. Magnet-Resonanz-Tomografie) lassen sich der Grad der funktionell-anatomischen Entwicklung sowie die Aktivierung von Hirnarealen darstellen.

Aufbauend auf dem entwicklungspsychologischen Modell Jean Piagets:
Modalität (Ausreifung der einzelnen Sinnessysteme)
Intermodalität (Kooperation der einzelnen Sinnessysteme)
Serialität (Wahrnehmung in Zeit und Raum)
entwickelte Marie Affolter in den achtziger Jahren Konzepte, die die Wichtigkeit von Wahrnehmung in der kindlichen Entwicklung betonen. "Intermodalität und Serialität basieren auf der Modalität, auf der normalen Ausreifung jedes einzelnen funktionsrelevanten Sinnessystems, für die Kommunikation also vorrangig des Fühlens, des Hörens und des Sehens. Störungen der Modalität führen demnach zwangsläufig zu Störungen in der Intermodalität und wohl auch in der Serialität." (Kruse, E. in: G. Schulte-Körne (Hrsg.) "Legasthenie: erkennen, verstehen, behandeln"; Seite 37 - 44)

Ein Beispiel: Die Fähigkeit, Lesen und Schreiben zu lernen, stellt eine zentrale Entwicklungsaufgabe für die Kinder nach ihrer Einschulung dar. Lese- und Schreibkompetenz sind fundamentale Grundvoraussetzungen, um selbstständig in unserer kulturell hoch entwickelten Welt zu recht zu kommen, aber auch grundlegend für schulischen und beruflichen Erfolg. Beim Schriftspracherwerb in der Grundschule knüpfen die Kinder an die bereits im Vorschulalter entwickelten Kenntnisse und Fähigkeiten an. Eine normale neurobiologische und entwicklungspsychologische Entwicklung vorausgesetzt, bedeutet eine Rechtschreibleistung für einen Erwachsenen eine selbstverständliche, ja eigentlich automatisierte Handlung. Wir sollten uns aber immer bewusst sein, dass eine Kooperation der Sinnesmodalitäten benötigt wird, um zum Beispiel einen Leistungsoutput in Form einer Rechtschreibleistung zu generieren:
• Auditive, visuelle und graphomotorische Fähigkeiten;
• weiterhin werden benötigt: die Phonem-Graphem-Zuordnung, die Lautdifferenzierung, die Tonhöhendifferenzierung, die auditive Merkfähigkeit, das auditive Gedächtnis und die kognitive Verarbeitung des Gehörten.

Das folgende Schaubild zeigt Ihnen am Beispiel auditiver Wahrnehmungsprozesse:
• die Abhängigkeit des Leistungsoutputs (unterste Zeile: Lesen, Schreiben..) von verschiedenen Variablen und daher
• die Wichtigkeit einer multimodalen Betrachtungsweise



(entnommen aus: Lehrerfortbildung NRW/Förderdiagnostik/Baustein: Wahrnehmung und Bewegung/Element: Auditive Wahrnehmung, Erprobungsfassung, Soest 1997)



Exkurs 2: Wissenschaftlicher Erkenntnisstand
Leider ist die Frage, inwieweit AVWS stringent Probleme im Schriftspracherwerb auslösen, noch nicht hinreichend beantwortet. Zur Zeit entstehen mehr Fragen als Antworten gegeben werden können. Die kontroverse Diskussion zwischen der ASHA (American Speech-Language-Hearing-Association und der Konsensus-Statement-Gruppe um Herrn Professor Ptok et al. und innerhalb Deutschlands selbst, erweist sich für den Schul- und Therapiebereich nur dann als sinnvoll, wenn entsprechend validierte Untersuchungen (an diesen fehlt es noch) zuverlässsige Hinweise auf den Zusammenhang/ Nichtzusammenhang geben und sich aus dieser Erkenntnis schlussendlich Therapiemaßnahmen abgeleitet werden können. Was bewirkt die durch die ASHA vorgenommene Umwidmung der "Auditiven Aufmerksamkeit" als Teilleistung des Hörens zu einer neural höher angesiedelten Eigenschaft? Welche Rolle spielt die dann modale Ordnungsschwelle des Hörens oder die intermodale Ordnungsschwelle? Welche Hinweise und Ableitungen hinsichtlich der anderen Hörfunktionen (Selektives Hören, dichotisches Hören, auditives Gedächtnis etc.) in Bezug auf den Schriftspracherwerb sind vorhanden? Gibt es also einen kausalen Zusammenhang zwischen den oben angedeuteten Problemen des Schriftspracherwerbs und den "reinen" Hörfunktionen? Was bedeutet dies für die Diagnostik und die Förderung/Therapie?
Die neurale Verarbeitung, Wahrnehmung und Handlungsproduktion findet in Netzwerken statt. Diese Arbeit lässt sich mit den heutigen Methoden der fMRT beobachten. Die Arbeit kleinster neuraler Teile wie Neuronen, Synapsen etc. und die Kooperation zwischen einzelnen Hirnarealen sind ausreichend beschrieben. Nachwievor fehlt aber die Erkenntnis zur Funktionsweise des neuralen Mittelbaus. Unbestritten ist die Erkenntnis, dass nur Gehörtes und damit lautlich Verankertes sich in einer eindeutigen Beziehung zu Wortbedeutung befindet. Welche Verarbeitungs- und Wahrnehmungsprozesse verlaufen nicht richtig, wenn ein Kind Buchstaben vertauscht (/i/ und /e/, /o/ und /u/, /m/ und /n/ etc.), Buchstaben falsch benennt, Wort und Wortteile vergisst, die Plosivlaute /k/, /t/ etc. nicht identifiziert? Die missglückte Wechselwirkung lässt sich dann im gestörten Schriftspracherwerb beobachten. Wort, Silbe, Onset und Reim sind sprachliches Material, das durch Identifizierung, Segmentierung, Synthese und Manipulation den Schriftspracherwerb steuert. Die Beziehung zwischen Laut und der "Phonologischen Bewusstheit (phonological awareness)" muss also betrachtet werden.

Exkurs 3: Die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung
Schallwellen treffen auf die Ohrmuschel und werden in den Gehörgang geführt. Die dort befindliche Luft gerät in ein Schwingungsverhalten, das auf das Trommelfell wirkt. Auf dem Trommelfell sitzt zur Innenseite ein Knöchelchen (Hammer), das über ein weiteres Knöchelchen (Amboss) mit dem Steigbügel -Knöchelchen (Stapes) verbunden ist.

Abb. 1-3 aus "Der Aufbau des menschlichen Ohres" von Dr.med Philip Janda; www.netdoktor.de

Dieses hat eine Verbindung zur Hörschnecke (Cochlea). Die Hörschnecke ist mit einer Flüssigkeit gefüllt, die durch die ausgelösten Schwingungen die Schallwellen-Information übernimmt und je nach Frequenzumfang in verschiedenen Teile der Hörschnecke "ablegt".


Es treten Spannungsänderungen auf, die von dem Hörnerv über mehrere "Stationen" bis in die auditorische Hirnrinde übertragen werden.

Abb. 1 u. 2 zur Verfügung gestellt durch Prof. Langner, Darmstadt

Dr. Andreas Nickisch weist in seinem Buch "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen bei Schulkindern" der auditiven Verarbeitung den Part der " Hardware ", die auditive Wahrnehmung den Part der "Software " des Betriebssystems eines Computers zu.

Grundsätzlich steht am Anfang der diagnostischen Intervention die Begutachtung des Periphergehörs durch einen HNO-Arzt.
Auch der Ausschluss von gutartigen/bösartigen Tumoren oder hirnorganischen Fehlbildungen ist dem medizinischen Kompetenzbereich vorbehalten. Anstrebenswert ist eine Kooperation des Kinderarztes mit dem HNO-Arzt. Der Arzt für Allgemeinmedizin oder der Kinderarzt oder der HNO-Arzt sind wichtige Partner in der Weitervermittlung des Kindes/ der Eltern an eine pädaudiologische Einrichtung. Dies kann eine ärztliche Praxis, eine audiologische Beratungsstelle, eine Fachklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie (Universität) oder die Einrichtung eines Sozial-Pädiatrischen Zentrums sein.

Zeitgleich lässt sich in Absprache mit dem Kindergarten/ der Regelschule eine Überprüfung des Intelligenzpotenzials/des Aufmerksamkeits- und Steuerungsverhaltens/der Lese-Rechtschreibleistungen eines Kindes durch den Schulpsychologischen Dienst, die Sonderschule oder gegebenenfalls eine Beratungsstelle für Hörgeschädigte initiieren.

Als Ergebnisse dieser Ausschlussdiagnostik für eine Probandin/ einen Probanden sollten für die Einleitung einer pädaudiologische Begutachtung stehen:
- normale Intelligenz
- kein hirnorganischer Befund
- keine Störung des Periphergehörs
- kein Auftreten psychiatrischer Befunde  (siehe Prof. M.Ptok )

Welche diagnostischen Verfahren angewandt werden, ist sicherlich auch von der Ausstattung der jeweiligen Untersuchungs- stelle abhängig. Grundsätzlich lassen sich aber zwei, sich ergänzende Diagnosestrategien unterscheiden:

objektiveVerfahren der Audiometrie psychometrische/- linguistischeVerfahren
BERA = FAEP
Fast CERA = MAEP
CERA = SAEP
EOAE
Gap Detection
Mismatch Negativity
N 400
P 300
Stapediusreflex
Bielefelder Screening (BISC)
Subtests: Lautanalyse/Silbensegmentierung
Bremer Lautdiskriminationstest (BLDT)
Hamburg Wechsler Intelligenztest für Kinder (HAWIK)
Subtest: Zahlen nachsprechen
Hannoverscher Lautdiskriminationstest
Heidelberger Lautdifferenzierungstest
Subtests: Differenzierung/Identifikation/Kinästhetik
Heidelberger Sprachentwicklungstest (HSET)
Subtest: Imitation gramm. Strukturen
Kaufman Assessment Battery for Children
(K-ABC)
Subtest: Wortreihe
Mottier-Test
Psycholinguistischer Entwicklungstest (PET)
entnommen aus:W.Pascher/ H.Bauer:
"Differentialdiagnose von Sprach-, Stimm- und Hörstörungen"
entnommen aus: A. Nickisch :
"Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen bei Kindern"


Als weitere Faktoren der Hörverarbeitung können mit den unterschiedlichsten Verfahren untersucht werden:
Auditive Aufmerksamkeit, Auditive Zeitauflösung, Dichotisches Hören, Lateralität, Lautdiskrimination, Lautheitsempfinden, Richtungshören, Rhythmusempfinden, Selektives Hören, Tonhöhendiskrimination.

Wie schon oben angeführt, bedingt die diagnostische Ausstattung den Grad der Untersuchungstiefe. Sie sollten sich auch dessen bewusst werden, dass bei der pädaudiologischen Untersuchung zwei Komponenten begutachtet werden: die auditive Verarbeitung und die auditive Wahrnehmung

Ein Wort noch an Eltern und LehrerkollegInnen:
Kinder sind bei Begutachtungen nicht generell ängstlich; das brauchen sie auch nicht sein, da alle Untersuchungen ohne Eingriff erfolgen. Kinder kennen auch nicht den Hintergrund einer Untersuchung; sie sind viel unbefangener als wir Erwachsenen. Das heißt aber wiederum nicht, dass die Robustheit und die Neugierde eines Kindes als Preis für den Einsatz des kompletten Diagnostikinstrumentariums missbraucht werden darf. Wichtig sind die Vorgespräche mit den Gutachtern, um den Umfang der Untersuchung abzusprechen. Bei Begutachtungen durch die Beratungsstelle für Hörgeschädigte in Bielefeld können die z.B. die Eltern während der Testung ihr Kind begleiten und beobachten. In der Arbeitsgruppe 1 unseres Projektes versuchen wir Strukturen für ein "Case-Management " zu schaffen, um auch einer "Überdiagnostizierung" vorzubeugen.

Ich möchte Sie noch auf die folgenden Internet-Links aufmerksam machen, bei denen Sie Informationen über universitäre Fachkliniken für Phoniatrie und Pädaudiologie erhalten: http://medweb.uni-muenster.de/institute/phon/verweise/f_index.html und www.dgpp.de/Service/index_Service.htm.
Unter der Adresse www.dgspj.de/adressen.php? finden Sie eine Übersicht der Sozial-Pädiatrischen Zentren Deutschlands.
 
Tipp:
Auf der Suche nach weiteren Informationen besuchen Sie bitte unsere Literaturseite bzw. die Downloadseite, öffnen dort die Datei "Zugangswege" oder laden sie auf Ihren Rechner.
Oder geben Sie in Ihre Internetsuchmaschine die Begriffe: Gehör, Cochlea, Hörnerven, Auditory, BERA ... ein. Sie erhalten eine Fülle von Informationen. Hinweisen möchte ich Sie noch auf die folgenden Internetseiten: www.netdoktor.de, www.hoergeraete-siemens.de und www.kinderaerzteimnetz.de.