Was steckt hinter dem Projekt?
Soziologen beschreiben Kommunikation "als die wesenshafte zwischenmenschliche Begenung" (Karl Jaspers) und als "so etwas wie die Essenz des Sozialen" (Niklas Luhmann). Sprache dient hierfür als ein System von Zeichen und erfordert Regeln zur Kombination der Zeichen. Angelehnt an Informationstheorie und Kybernetik übernimmt Sprache durch das Medium "Luftschall" die Übermittlung (Kommunikation) von Informationen zwischen "Sender" und "Empfänger". Sinnhafte Informationsübermittlung entsteht durch die Repräsentation: "Sender" und "Empfänger" interpretieren sprachliche Äußerungen in der gleichen Bedeutung. Die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung leistet einen entscheidenden Beitrag zur Sicherstellung der Repräsentation. Störungen des Informationsaustausches bewirken Fehlinterpretationen.
Wir treffen bei unserer Gutachtertätigkeit im schulischen Bereich z.B. bei Beratungen und Begutachtungen im Rahmen zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs bei Regelschülern, zunehmend auf eine Schülerklientel, deren Schulschwierigkeiten nicht in einem Intelligenzdefizit zu sehen sind, sondern durch auditive Aufmerksamkeitsstörungen hervorgerufen werden. Basale Sprachwahrnehmungsleistungen stellen nicht nur für den Schriftspracherwerb und für die Ausformung der Lautsprache eine Basisfunktion dar, sondern auch für das Verstehen in alltäglichen Situationen. Prädiktoren weisen schon in den ersten Lebensjahren auf Fehlentwicklungen hin, die sich dann im System Schule durch Lese- Rechtschreibprobleme, Verhaltensprobleme usw. manifestieren können.
Es ist (nicht) bekannt, dass Kinder mit großen Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten (LRS) gehäuft an peripheren und/oder zentralen Hörstörungen leiden.
Man schätzt, dass bei 10% bis 24% der LRS-Kinder Schwerhörigkeiten vorhanden sind. Das Kindernetzwerk beziffert den Anteil von Menschen mit Dyslexia auf etwa 8% und etwa 2 Kindern pro Schulklasse. Auditive Merkfähigkeitsstörungen liegen allein oder in Kombination mit visuellen Merkfähigkeitsaufälligkeiten bei 52% der Kinder mit Lese-Rechtschreibstörungen vor. Durch die im Jahr 2000 erfolgte einheitliche Definierung von AVWS (Konsensus-Statement) gibt es noch keine Prävalenzangaben für den deutschsprachigen Raum. Manche Quellen berichten von Prävalenzangaben in Höhe von 3-5% der Kinder. Nach einem Bericht der FU Berlin wird im amerikanischen Raum mit einem Vorkommen von AVWS (central auditory processing disorders- CAPD) bei 2-3% der Kinder ausgegangen.
"Auditive Wahrnehmungsstörungen - nicht zu verwechseln mit Schwerhörigkeit - spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung der heute so häufig vorkommenden Sprach- und Lernstörungen. Man geht inzwischen davon aus, dass sie bei über der Hälfte der Fälle von allgemeinen Lernstörungen mitbeteiligt sind und dass sie eine wichtige Rolle bei Sprachentwicklungsstörungen spielen. Auch bei der Entstehung der weitverbreiteten Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) stellen sie ebenfall einen nicht zu vernachlässigenden Faktor dar." (H. Rosenkötter, 2003)
Folgende Gemeinsamkeiten lassen sich bei der Befragung von Eltern und LehrerInnen protokollieren:
In der Kleinkindzeit leiden die Kinder unter Otitis media (Mittelohrentzündung); Therapie zum Teil mittels Paukenröhrchen. Eltern berichten von Lautstärke empfindlichen Kindern; andereseits, dass ihr Kind selbst "sehr laut sei". Kinder beschweren sich, dass das Fernsehen/Radio zu leise gestellt, Gespräche, besonders mehrerer Personen, nicht verfolgt werden können und über eine zu große Lautstärke in der Schule. Eltern berichten: "Der Ohrenarzt/ Kinderarzt hat gesagt, mein Kind hört ganz normal" oder "das wächst sich schon noch aus."
Oft fallen diese Kinder erst im Schulalter auf, obwohl sie im Vorschulalter bereits Sprachentwicklungsstörungen aufweisen:
in der Grundschule beim Übergang vom geübten Diktat zum ungeübten Diktat und während des Erlernens der ersten Fremdsprache im Bereich der Sekundarstufe I.
In der Schule werden die Kinder mündlich/schriftlich in den Berichten mit Attributen beschrieben, wie: unkonzentriert - leicht ermüdbar - kriegt nur die Hälfte mit - versteht keine Anweisung ....
Häufig haben diese Kinder schon ein mehrjähriges Schulversagen erlebt, ohne dass von Eltern, Schule oder anderen Institutionen eine Anbahnung von Diagnose/Therapie erfolgt ist.
Aber auch das Gegenteil ist vorzufinden: überdiagnostizierte Kinder mit vielfältigen Therapieversuchen.
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Die folgenden Thesen sind das Ergebnis auch von vielen Gesprächen und persönlichen Erfahrungen. Sie zielen nicht darauf einzelne Berufsgruppen zu diskreditieren, sondern dienen als Anreiz zum Dialog und zur Neugestaltung diagnostischer und therapeutischer Verfahrensweisen. Adressaten sind vor allem die im Erziehungsauftrag und in der Gutachter-/ Beratungstätigkeit stehenden Personen:
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weder von Eltern noch von anderen im Erziehungsprozess beteiligten Personen werden auditive Wahrnehmungsstörungen als solche erkannt; |
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Kinder-/HNO-Ärzte und Krankenkassen sind sich des Problems auditiver Wahrnehmungsstörungen bei Kindern nicht bewusst; |
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dies gilt auch für den Kindergarten-/ den Regelschul- und den Sonderschulbereich; |
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auditive Wahrnehmungsstörungen bewirken Verhaltensdispositionen eines Kindes bzgl. Arbeit/ Leistung/ Kommunikation zu Hause/ im Kindergarten/ in der Schule; |
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betroffene Kinder werden aufgrund ihres Lern-/Leistungs-/ Kommunikationsverhaltens mit negativen Etikettierungen belegt; |
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auditive Wahrnehmungsstörungen beeinflussen in einem noch nicht allgemein bekannten Ausmaß den Spracherwerb; |
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des weiteren beeinflussen sie den mathematischen Bereich und wirken sich negativ auf den Fremdsprachenerwerb aus; |
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Eltern und betroffenen SchülerInnen fehlen Informationen durch kompetente Beratung und Begutachtung; |
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Zugangswege/ Verfahrensabläufe/ Hilfestellungen sind vom Zufall/ Engagement einzelner Informierter abhängig; |
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im Kreis Lippe existieren schon Ansätze, sich dem Problem der auditiven Wahrnehmungsstörungen bei Kindern anzunehmen; |
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im Kreis Lippe gibt es noch kein durchgängiges Gesamtkonzept zur Diagnose und Kompensation/ Therapie von auditiv gestörten Kindern; |
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notwendig ist die Schaffung eines Netzwerkes, die Sammlung/ Nutzung vorhandener Ressourcen und die Bildung eines Informationspools für Betroffene und Beteiligte. |
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Falls Sie sich mit der aktuellen Definition des Begriffs "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)" beschäftigen wollen, sollten Sie die folgende Internetadresse anwählen: www.dgpp.de/Profi/index_Profi.htm
. Nach dem Anklicken des Buttons "Konsensus" auf der linken Seite öffnet sich ein neuess Fensterseite; scrollen Sie bitte bis zur Überschrift "PDF-Dateien". Dort ist auch das aktuelle Konsensus-Statement-Papier abgelegt: "Auditive Verarbeitung und Wahrnehmung (Konsensus)".
Das Konsensus-Statement-Papier können Sie mit dem Acrobat Reader lesen und ausdrucken lassen.
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