Förderung von lese-rechtschreibschwachen Schülern in der Klasse 8
der Schule für Lernbehinderte

In den Mittel- und Oberstufenklassen finden sich immer wieder Schüler, die den Lese-Rechtschreib-Lehrgang mehrfach durchlaufen haben und trotzdem nur geringe oder keine Fortschritte im Lesen zeigen und deren Rechtschreibleistung katastrophal ist. Das Lese- und Rechtschreibtraining steht im Deutschunterricht nicht mehr an erster Stelle, sondern ist nur noch ein kleiner Bestandteil im Sprachunterricht.

Eine einmalige Förderstunde in der Woche zeigt nach meinen Beobachtungen zu geringe Fortschritte und ist damit weitgehend nutzlos für den Schüler.

Ich habe daher nach Übungsformen gesucht, die möglichst täglich im Unterricht eingesetzt und mit der ganzen Klasse durchgeführt werden können. Der Zeitumfang sollte eine Viertelstunde, ähnlich wie beim "Kopfrechnen", nicht überschreiten.

Für Schüler der Unterstufe/Grundschule gibt es viel Literatur zur Lese-Rechtschreibförderung; leider nur sehr wenig für die Sekundarstufe. Nach der Sichtung  unterschiedlichster Schreib- und Leselehrgänge, Legasthenieprogramme eingeschlossen, machte ich mich an die Aufgabe, die Übungen für ältere Schüler herauszusuchen und so zu gestalten, dass sie schnell im Unterricht einsetzbar waren und spielerischen Charakter behielten. Wenngleich die Aufgaben für bestimmte Zielpersonen ausgewählt wurden, sollten sie innerhalb der Großgruppe durchführbar und nutzbringend sein.

Die Klasse 7/8, in der ich die Übungsformen entwickelt und ausprobiert habe, setzt sich aus z. Zt. 5 Mädchen und 12 Jungen zusammen. Die SchülerInnen sind zwischen 13 und 15 Jahren alt.

Ich lese im Unterricht gern und häufig Ganzschriften nach Wunsch der Schüler; z. B. "Die Konferenz der Tiere", "Harry Potter", "Die Sklaven der Traumfresser". Darauf führe ich zurück, dass fast alle Schüler recht flüssig und sinnentnehmend lesen können.

Leider können die Rechtschreibleistungen mit den Leseleistungen nicht Stand halten. Besonders bei Diktierübungen/Diktaten erfolgten Rückmeldungen wie z.B. "Hä?", "Habe ich nicht mitgekriegt", "Wie heißt das?" etc. In der Klasse sind nur vier einigermaßen sichere Rechtschreiber, denen Rechtschreibregeln bekannt sind. Oftmals hapert es aber mit der Umsetzung beim Schreiben. Viele Schüler versuchen lautgetreu zu schreiben und verfügen nicht über Strategien, sich nicht lautgetreue oder neue Wörter zu erschließen. In den meisten Fällen liegen auch sprachliche Mängel zugrunde, die u.a. durch unzureichendes "Hören"entstehen. Die Schüler überhören auch wegen der permanenten Geräuschüberflutung viele Laute oder hören sie nur fehlerhaft.



Durch die nachfolgenden Hör-, Sprech- und Leseübungen versuche ich, diese Mängel auszugleichen und den Schülern ein Bewusstsein für korrektes Hören und Sprechen zu geben.
 
1. Die Vokalvertauschungsübungen entstanden nach dem Gedicht "Reimfibel" von Peter Rühmkorf, dessen beiden ersten Verse ich hier zitiere:
 
Reimfibel
Liebe Kinder , hört mal zu.
Hier sind A – E – I – O – U
(rückwärts U – O – I – E – A):
Eine Lautharmonika:
RACK - RECK - RICK - ROCK – RUCK.

Reck, Rock, Ruck sind sonnenklar.
Rack und Rick klingt sonderbar.
Hängt ihr noch zwei Lettern dran,
hört sich’s wider anders an:
RACKEN – RECKEN -  RICKEN -  ROCKEN - RUCKEN
Gernhardt/Rühmkorf: "In gemeinsamer Sache", Haffmans Verlag AG Zürich 2000

Beim ersten Mal gelang es den Schülern nicht, diese Aufgabe mündlich zu lösen. Sie sind zu sehr auf das visuelle Bild ausgerichtet. Deshalb wurden die Wortkompositionen am Computer erarbeitet und geschrieben. Dabei ergaben sich zusätzliche Übungsaufgaben am PC:

Sinnvolle Wörter werden vergrößert
Sinnvolle Wörter werden vergrößert
farbig markiert
fett gedruckt
Unsinnswörter werden verkleinert
in veränderter Schrift gedruckt...


2. ABC- Übungen mit den Vokalen
Jeder Vokal wird mit den 26 Buchstaben des Alphabets kombiniert und wenn möglich zu sinnvollen Wörtern ergänzt. Nach Absprache sind dabei auch Abkürzungen und/oder englische Wörter erlaubt. Den Schülern stehen Wörterbücher für schwierige Buchstabenverbindungen zur Verfügung.

-aa
-ab
-ac
-
-
-
-ax
-ay
-az
Aal
Abfall, Abitur
acht, Acker
-
-
-
Axt
aye, Aysegül
Azubi


3. Wortverlängerungen
Aus der Wörterliste der Übung 2 werden Wörter ausgesucht, die sich ergänzen lassen durch:
- Voranstellen von Buchstaben oder Wörtern
- Anhängen von Buchstaben oder Wörtern
- oder einer Kombination von Beidem

acht
N acht
Acht el
W acht el

Probleme bereitete den Schülern nur die Auswahl geeigneter Wörter  oder Phoneme. Bei den Wortfindungen erwiesen  sich die SchülerInnen als sehr kreativ.


4. Pig Latin
Besonders beliebt sind bei meiner Klasse die verschiedenen Latin-Spiele. Literatur zum Begriff "Pig Latin" siehe: G.Schulte-Körne: "Lese-Rechtschreibstörung und Sprachwahrnehmung" (S. 23).
Dabei handelt es sich um Buchstaben-, Silben- oder Wortvertauschungen, die ein genaues Hinhören erforderlich machen. Bei den ersten Übungen war es keinem Schüler möglich, die Laute/Buchstaben in die richtige Reihenfolge zu bringen. Nach dem Diktieren und Schreiben der Wörter erkannten sie schnell das zugrundeliegende Prinzip. Bei späteren Übungen benötigten nicht mehr alle Schüler den visuellen Zugang, sondern konnten sich ganz auf das Hören und Vorstellen der Wörter beschränken.

Pig Latin 1 : Auslaut  ergibt Anlaut
Den Schülern werden Wörter vorgesprochen bzw. diktiert, die alle nach demselben Prinzip verändert sind:
der Anfangsbuchstabe wird an das Wortende gesetzt.
Benda
Abend
Feno
Ofen
Sele
Esel


Pig Latin 2 : „Vornamen“
Den Schülern werden Mädchen- und Jungennamen vorgesprochen, bei denen der Anfangsbuchstabe ans Ende gerückt ist.
Ena l
Lena
Vens
Sven


Pig Latin 3 : "Mein Name"
Die SchülerInnen begannen schnell selbständig ihre eigenen Vor- und Nachnamen zu „verwandeln“. Sie entwickelten daraus das Spiel „Weißt du, wer so heißt?“ Außer den eigenen Namen veränderten sie auch Namen von Popstars, Schauspielern usw.
Die Schüler entdeckten dabei, dass sich manche Buchstaben problemlos umhängen lassen, es oftmals aber besser klingt, wenn  Laute (Sch, st,..) oder auch ganze Silben angehängt werden:

Laut nicht/schwer identifizierbar

Laut identifizierbar
Hose
Eso h
Hose
Se ho
Heiner
Einerh
Heiner
Nerhei
August
Ugust a
August
Gustau


Pig Latin  4 :
Jeder Schüler bildet für die Mitschüler Wörter nach den obengenannten Prinzipien um.
Dabei waren viele Schüler zunächst wieder auf optische Hilfe angewiesen und notierten sich die Wörter. Wörterbucharbeit!


5. Diktatübungen
Nach einem ungeübten Diktat werden die Merkwörter silbenvertauscht gesprochen und diktiert.
Dabei stellte sich positiv heraus, dass nach der Übung fast alle Schüler leicht „überhörbare“ Buchstaben mitschreiben konnten:
- die zwei „ h“ in Eichhörnchen ( hörnchen-Eich wurde diktiert)
- die zwei „r“ in Fahrrad ( rad-Fah r)
- das „n“ in länger (ger-län )
- das „r“ in vorbei (bei-vor)




Noch ein Gedicht
Die glottepoly zeKat

Die zeKat sitzt vorm lochMause,
in das die Maus vor zemkur kroch,       
und denkt: „Da wart nich lang ich,
die Maus, die fang ich!“


Die Maus dochje spricht in dem Bau:
Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von nenhin,
ich bebleib nendrin!“



Da lichplötz hört sie – statt „aumi“–
ein laut nehmlichesver „wau – wau“
und lacht: „Die mear zeKat,
der Hund, der sehat!
Jetzt muss sie bera nigstschleu zenflit,
stattan vor nemmei Loch zu zensit!“

Doch derlei – nun, man ahnt`s reitsbe–
war das ein tumIrr seitsihrer,
denn als die Maus vors Loch tritthin–
es war nur ein ganz nerklei Schritt–
wird sie durch pfotenkraftKatzen
weggeraffthin! - - -

nachDa wäscht sich die Katz die tePfo
und spricht mit der ihr neneig teNo:
Wie lichnütz ist es dann und wann,
wenn man `ne defrem cheSpra kann...!“

   


 (Entnommen und verändert aus:
"
Satierliches" von Heinz Erhardt,
Fackelträger-Verlag, Hannover 1980)



6. „Silben trommeln“
Im Musik- und Englischunterricht werden die Wörter und/oder Sätze getrommelt. Dabei prägen sich Aussprache und Satzmelodie gut ein. Besonders ängstliche Schüler trauen sich bei dieser Übung laut zu sprechen.


7. "Paar"-Spiel (ein außerordentlich beliebtes Spiel)
Alle Schüler stellen sich paarweise hintereinander auf. Paar 1 erhält eine Aufgabe genannt. Der Schüler, der die Aufgabe zuerst löst, darf sich setzen; der andere schließt sich wieder hinten an.
Variation:
Der langsamere Schüler darf sich setzen; der schnellere kommt an das Ende der "Schlange".

Spielmöglichkeiten:
" Nenne ein passendes Reimwort"
" Ordne die Silben in die richtige Reihenfolge" (Pig-Latin-Übung)
"Nenne das Gegenteil"
" Finde zu dem genannten Phonem ein passendes Wort"
Vokabelübungen (englisch-deutsch; deutsch-englisch)
Übungen zum mündlichen Rechnen
Wissensabfragen z.B. im Sachunterricht
Melodien raten


8. "Personen-Memory"
Ein Schüler wartet vor der Tür. Die übrigen Schüler verabreden paarweise Aufgaben. Der Schüler, der draußen gewartet hat, befragt die Mitschüler nach ihren Begriffen und versucht die Paare zu sammeln.

Aufgaben:
Reimwörter (Kasse - Tasse )
Gegensätze (heiß - kalt)
Nomen und Verben (Wäsche - waschen)
Gegenwart und Vergangenheit ( laufen - liefen)
Rechenaufgaben (Aufgabe - Lösung )
englische und deutsche Vokabeln ( table - Tisch)
Erdkunde (Land - Hauptstadt )



9. Theaterspiel zur Verbesserung der Hörwahrnehmung
Autorin: Waltraud Gomm

Auf der Suche nach immer neuen Formen zur Verbesserung der auditiven Wahrnehmung bei Kindern habe ich das Theaterspiel entdeckt.

Im Rahmen der Vorbereitung zu einer Jubiläumsveranstaltung an unserer Schule übte ich das Mini-Musical „Die kleinen Leute von Swabedo“ ein: Die Spielhandlung erfolgte als Schattenspiel und die Überleitungen zu den einzelnen Kapiteln fanden vor der Bühne statt.

Nach chaotischem Beginn stellte ich fest, dass die Schüler und Schülerinnen zunehmend freier sprechen und besser aufeinander hören lernten.


Nachdem sie die Textsicherheit erworben hatten, gelang es ihnen zunehmend besser die Einsätze zu hören, in dem sie sich Strategien suchten, die ihnen den eigenen Texteinsatz erleichterten. Einige Kinder merkten sich bestimmte Signalwörter, andere wiederum be-nötigten visuelle Anhaltspunkte. Sie achteten auf Gestik und Mimik der Mitspieler oder den Einsatz bestimmter Requisiten.

Die Sprache der Schüler entwickelte sich mit der Dauer der Probenzeit. Einige Schüler waren zunächst nur mit Hilfe des Mikrofons zu verstehen. Die Aussprache wurde aber immer deutlicher und verständlicher. Sie lernten in Lautstärke und Tonhöhe zu variieren und mit ihrem Mitspieler zu kommunizieren. Sie begannen sich von den festen Texten zu lösen, fügten passende Beiträge hinzu und regten die Mitspieler zum Improvisieren an.
Das gelang nicht allen Schülerinnen und Schülern, aber mit zunehmender Spielfreude, erreichten auch die sprachlich eingeschränkteren Schülerinnen und Schüler eine größere
Sprechsicherheit.

Manchen Akteuren half dabei sicherlich, dass sie bei dem Schattenspiel hinter einem Vorhang agieren konnten. Hänger oder Versprecher konnten dabei leichter überspielt werden, ihre Verlegenheit bei Fehlern wurde für den Zuschauer nicht sichtbar.

Aber auch die Akteure vor dem Vorhang profitierten vom Spiel. Besonderen erfolg hatte eine Schülerin, die im Unterricht zu stottern beginnt, wenn sie aufgeregt wird. Gerade dieses Mädchen zeigt sich im Verlauf der Probenarbeit so selbstsicher, dass ihre Sprachstörung kaum noch auffiel.

Für den übrigen Unterricht wirkt sich die Theaterspielzeit positiv aus. Alle Schüler haben an Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein gewonnen, weil jedes Kind nach seinem Vermögen Anteil an dem großen Ganzen hatte. Keiner fühlte sich ausgeschlossen, jeder war wichtig für das Gelingen des Projektes.

Im normalen Unterricht hören sie nun besser aufeinander. Es fällt ihnen leichter abzuwarten, bis ein Schüler zu Ende gesprochen hat. Sie trauen sich zu frei zu reden und je nach Sprach- und Sprechvermögen Vorträge zu halten. Das erstaunt mich besonders bei den Schülern, die selbst im Stuhlkreis sonst Hemmungen hatten etwas zu erzählen.

Das Spiel mit Sprache vor und hinter dem Vorhang hat auch zu einem verbesserten Vortragsverhalten geführt.

Die Schüler lesen jetzt gern vor (eigene oder vorgegebene Texte) und lernen Gedichte leichter auswendig. Dabei benutzen sie Mimik und Gestik, um sich die Texte besser merken zu können und die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu erregen.





E-mail an die Verfasserin: Waltraud Gomm