Ein Instrumentarium zur Diagnose von Kindern mit AVWS ist im schulischen Rahmen der Regelschule nicht vorhanden. Neben den erforderlichen Aspekten wie Zeit und diagnostische Kompetenz fehlt die notwendige Geräteausstattung. Zudem werden Methoden zur pädaudiologischen Begutachtung benötigt, die eine Fachkompetenz erfordern, die in Arztpraxen für Audiologie/ Pädaudiologie, Kliniken mit entsprechenden Instituten, Sozialpädiatrischen Zentren und Beratungsstellen für Hörgeschädigte anzusiedeln ist; siehe zum Beispiel:

www.schoen-kliniken.de/Kliniken/Psychosomatische_Klinik_Bad_Arolsen
Zur diagnostischen Strategie siehe auch Andreas Nickisch:
Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen bei Schulkindern.


1. Lassen Sie uns einen ersten, gemeinsamen Schritt wagen:

Wenn ein Kind Ihnen im Unterricht auffällt, sind es irgendwelche Verhaltensweisen, die Ihnen auch auf Grund Ihrer Berufserfahrungen das Gefühl geben: "Irgendetwas stimmt mit diesem Kind nicht".

Besonders stark nehmen wir übrigens negatives Verhalten war, während wir positive Verhaltensdispositionen eher dem "Normalen" zurechnen.

Sie beginnen also Ihre Beobachtungen über das betreffende Kind z.B. durch tägliche Aufzeichnungen  zu verifizieren oder tauschen sich mit Ihren KollegInnen aus. Nun ist das Spektrum menschlichen Verhaltens so komplex, dass Sie
möglicherweise einen "Wust" von Beobachtungen erhalten, der für Sie aber keine Rückschlüsse auf den Hintergrund des kindlichen Verhaltens zulässt.

Im Folgenden stelle ich Ihnen Schülerbeschreibungen vor, wie sie bei Beratungs- und VO-SF-Gutachten (Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs und des Förderorts) von den KollegInnen mündlich/ im Schulbericht formuliert werden:

SchülerIn XY... - hört nicht zu
- träumt im Unterricht
- vergisst die Hausaufgaben
- hat Verständnisprobleme bei steigender Lautstärke
- äußert sich verspätet zu Inhalten, die nicht mehr aktuell sind
- mag nicht lesen
- spielt für sich allein
- keine Teilnahme an Gruppengesprächen
- zunehmende motorische Unruhe im Laufe des Schulvormittags
- erhöhte Fehlerzahl bei ungeübten Diktaten
- Probleme im Fremdspracherwerb
- äußert "häh?", "wie war das nochmal?"...

Sie stellen fest: dieses Verhalten ist auch bei "Ihrem" Kind zu beobachten . Sie benötigen also eine Struktur, die Ihnen eine differenzierte Aussagekraft zur Verfügung stellt; zugleich zeitökonomisch und überschaubar in der Anwendung.


2.
Lassen Sie uns einen weiteren, gemeinsamen Schritt vollführen:

Pädaudiologien setzen als Einstieg in die Diagnose einen Screening-Bogen ein, zu dessen Beantwortung meistens die Eltern (die Beratungsstelle für Hörgeschädigte Bielefeld fragt auch den schulischen Bereich ab) aufgefordert werden.
Hierbei sollen Beobachtungen des täglichen Lebens (Familie, Schule, Freizeit...) unter bestimmten Aspekten schriftlich durch Ankreuzen ("Ja"/ "Nein")  auf dem Screening-Bogen erfasst werden. Auch differenzierte Aussagen auf der fünfstufigen Likert-Skala sind möglich. Die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie bietet seit 2003 per Download (bitte den Button "Konsensus" anklicken und bei "PDF-Dateien" nachschauen) einen normierten Anamnesebogen zur Erfassung "Auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)" an.

Als ein Ergebnis der Projektarbeit habe ich, unter der Berücksichtigung verschiedener pädaudiologischer Screening- Bogen, ein Verfahren entwickelt, das auch im Rahmen der Regelschule seine Anwendung finden soll.

Jede Fähigkeit (siehe auch Kapitel: Übungen zur Förderung), die für den Hörverarbeitungsprozess notwendig ist, wird an Hand mehrerer Items abgefragt. Notwendig erscheint mir die große Anzahl von Items, da wir als Beobachter über eigene Filter der Wahrnehmung verfügen und auch anwenden, so dass dieselbe Situation von verschiedenen Beobachtern auch unterschiedlich wahrgenommen und entsprechend differenziert interpretiert wird. Gerade für „Einsteiger“ in die Diagnose (Unsicherheit...) ist diese Form der Fixierung eigener Beobachtungen gut geeignet.

Im Austausch mit Ihren KollegInnen und den Eltern können Sie nun die Beobachtungen verifizieren und die Einleitung der differenzierten pädaudiologischen Diagnose durchführen, wenn die Summe aller Beobachtungen Ihnen den Weg weist.

Der Screening-Bogen ist übrigens kostenfrei. Probieren Sie ihn aus und geben Sie mir Ihr Feedback über die Einsetzbarkeit dieses Verfahrens. Der Bogen ist für den Einsatz in der Primarstufe und Sekundarstufe I gedacht. Für die Sekundarstufe II bieten wir in Kooperation mit dem RWB Essen einen Screeningbogen in zwei Varianten an: Variante I ist zur Selbsteinschätzung der SchülerInnen, Variante II ist für die Hand der LehrerInnen konzipiert. Bitte hier klicken: Downloads
Sie können den Screening-Bogen per E-Mail anfordern oder jetzt direkt downloaden.

Download:
Screeningbogen für den Einsatz in der Schule (GS/Sek I) und beim Elterngespräch
Microsoft Word 2000:
PDF-Datei:
Hilfe zum Download: Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Download-Link und wählen Sie bei
Microsoft Internet Explorer:
Ziel speichern unter...
bzw. bei Netscape:
Verknüpfung speichern unter...
(Zur Übersicht aller Downloads)



3. Ein weiteres diagnostisches Verfahren, das Sie im schulischen Rahmen sehr gut einsetzen können, ist der Mottier-Test; ein Zusatztest des Zürcher Lesetests (ZLT):

30 zwei- bis sechssilbige Sinnloswörter werden dem/der  Pb. dargeboten. Bei der Reproduktion durch das Kind lassen sich die folgenden Aspekte überprüfen:
- die Phonemdifferenzierung
- die Phonemidentifikation
- die auditive Sequenzierung bzw.das auditive Kurzzeitgedächtnis
- die artikulatorische Kinästhetik
Die Auswertung ist einfach und zeitökonomisch.

Für dieses Testverfahren existieren inzwischen verschiedene Normierungen (auch neueren Datums), die sich aber nicht in dieser Form im Testmanual wieder finden. In Kooperation mit dem Lizenz gebenden Verlag Hans Huber (Bern) habe ich für den Mottier-Test ein Testformular (Testwörter, Anweisung zur Durchführung, Auswertung) erstellt und den Test in einem Tonstudio als Audio-CD-Form aufnehmen lassen. Für diese Form des Mottier-Tests besitze ich eine Abdruckgenehmigung des Verlages.
Vorteile dieser Darbietungsform sind:
- der /die Pb. kann Ihnen nicht von den Lippen ablesen
- Sie können sich ganz auf die Notierung der Probanden-Reproduktion konzentrieren.

Tipp: Setzen Sie am Besten noch zur Aufzeichnung ein Diktiergerät ein.

Den Mottier-Test in der der o.a. Form können Sie über unser Projekt beziehen. Bitte nutzen Sie den angebotenen E-Mail-Kontakt , um sich über die Bezugsbedingungen zu informieren.



4. In der Kombination von Screening-Bogen und Mottier-Test haben Sie nun die Möglichkeit, in Ihrer schulischen Tätigkeit die ersten Schritte zur Diagnose von Kindern mit AVWS vorzunehmen.

Wie geht es dann weiter?

Nutzen Sie den Kontakt zum unserem Projekt. Falls Sie im Kreis Lippe tätig sein sollten, können wir Sie ganz konkret bei Ihrem weiteren Vorgehen unterstützen, falls Sie dieses wünschen.

Ich möchte Sie noch auf die Seite "Pädaudiologische Begutachtung " unserer Webpräsentation verweisen. Hier erhalten Sie weitere Informationen.



e-mail an den Autor: Berthold Gomm